Einfach fahren – Wie digitale Tarife den Umstieg erleichtern
Shownotes
Wie sieht das aktuelle Tarifsystem in Deutschland aus und wer entscheidet darüber? Was zeichnet ein zukunftsfähiges Tarifsystem aus und wie kommen wir dorthin? Und welche Herausforderungen bestehen aktuell auf diesem Weg?
In der 22. mCAST-Folge sprechen wir mit unseren Gästen über den e-Tarif, die deutsche Tariflandschaft und künftige Gestaltungsmöglichkeiten. Jürgen Roß vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) beantwortet uns einige einleitende Fragen: Wer ist für die Tarife in Deutschland verantwortlich, warum sind die so unterschiedlich und wie könnte es in Zukunft weitergehen? Prof. Dr. Alexander Baur von der Technischen Hochschule Ingolstadt erläutert anhand des mFUND-Projekts „TransFairTarif“ die zentralen Aspekte eines fairen Tarifsystems – und den Ansatz, den das Projekt hierfür wählt. Mit Anna-Theresa Korbutt vom Hamburger Verkehrsverbund (hvv) sprechen wir über die Konsequenzen eines einfacheren Tarifsystems in der Praxis. Es geht um technische Herausforderungen, politische Prozesse und die Frage der Umsetzbarkeit.
Unsere Gäste sind sich einig: Ein einfaches, faires Tarifsystem ist wünschenswert, im föderalen Deutschland aber nicht so leicht zu etablieren.
Zu Gast im Podcast
Dipl.-Ing. Jürgen Roß ist Bereichsleiter Planung und Fahrgastinformation bei der VBB Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg GmbH. Er studierte Planung und Betrieb im Verkehrswesen an der Technischen Universität Berlin. Nach einer ersten Tätigkeit beim Frankfurter Verkehrsverbund arbeitete er in verschiedenen Bereichen bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Seit 1998 ist er beim VBB tätig. Jürgen Roß war von 2016 bis 2025 ehrenamtlicher Vorstand des DELFI e.V.
Prof. Dr. Alexander Baur ist Professor für Innovative Mobilitätskonzepte & Geschäftsmodelle der Künstlichen Intelligenz an der Technischen Hochschule Ingolstadt und leitet dort das KI-Transferzentrum. Seine Forschung verbindet Künstliche Intelligenz, Operations Research und nachhaltige Mobilität mit einem besonderen Fokus auf neue Mobilitätsdienste. Zuvor war er in leitenden Funktionen bei Bosch Inhouse Consulting sowie bei SHARE NOW tätig.
Diplom-Kauffrau Anna-Theresa Korbutt ist seit April 2021 Geschäftsführerin des Hamburger Verkehrsverbundes (hvv) und setzt sich dort besonders für innovative und nachhaltige Mobilitätskonzepte ein. Von 2004 bis 2012 war Anna-Theresa Korbutt in verschiedenen Stabs-, Strategie- und Marketingfunktionen der Deutschen Bahn AG tätig. Es folgten Stationen unter anderem bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) im Bereich Konzernstrategie und Unternehmensentwicklung. Bis 2020 war sie als Geschäftsführerin des österreichischen Stückgut-Spediteurs BEXity GmbH tätig.
Weiterführende Informationen
Transkript anzeigen
00:00:04: M-Cast, der Innovations-Podcast,
00:00:07: wie wir
00:00:07: morgen unterwegs sind.
00:00:12: Hallo und herzlich willkommen zurück.
00:00:14: Hallo.
00:00:15: Ich bin neulich von Köln nach Troisdorf gefahren und hab mal den E-Ticket-Tarif ausprobiert.
00:00:21: Den Tarif gibt es in NRW seit einiger Zeit.
00:00:23: Man checkt beim Einsteigen ein und beim Aussteigen aus und bekommt einen entfernungsbasierten Preis berechnet.
00:00:29: Jetzt hat das bei mir nur leider absolut nicht geklappt.
00:00:32: Ein normales Ticket hätte mich laut vorheriger Rechnung ungefähr fünf Euro gekostet und ich habe dann mit dem E-Ticket sechs bezahlt.
00:00:39: Aber angepriesen wird das immer als fairere und einfachere Option.
00:00:43: Da ist natürlich immer die Frage, was fair und einfach bedeutet.
00:00:47: Und welche Entfernungen dann günstiger sind.
00:00:49: Denn irgendwo muss es sich ja weiterhin lohnen.
00:00:51: Wahrscheinlich sind dann manche Entfernungen teurer und andere günstiger, oder?
00:00:55: Und in Punkto Einfachheit würde ich jetzt mal sagen, dass du die durch ein und aus checken ohne das Ticket auf jeden Fall hast.
00:01:01: Da sind wir jetzt irgendwie schon mitten im Thema drin.
00:01:04: Heute soll es nämlich gehen um faire und zukunftsfähige Tarifsysteme in Deutschland
00:01:09: und um den E-Tarif.
00:01:10: Wie könnte man Tarife gestalten?
00:01:12: Funktioniert das technologisch schon und welche Herausforderungen gibt es aktuell noch?
00:01:17: Wir freuen uns für einen ersten Überblick, Jürgen Roß begrüßen zu dürfen.
00:01:20: Jürgen Roß ist Bereichsleiter Planung und Fahrgastinformation beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg.
00:01:27: Er ist auch in mehreren mFUND-Projekten aktiv, wird uns aber heute eher allgemeine Fragen beantworten.
00:01:33: Herr Roß, warum gibt es in Deutschland kein allgemeines Tarifsystem im ÖPNV?
00:01:39: Deutschland ist ja ein föderales Land.
00:01:41: Das heißt, wir haben die Länder und Aufgabe der Länder ist die Organisation des öffentlichen Nahverkehrs.
00:01:46: Und so haben sich die Länder auch jeweils unterschiedliche Organisationsformen gesucht.
00:01:50: Alle haben vor Ort versucht, gute Lösungen zu finden und kundennah zu operieren.
00:01:55: Der Nachteil an dieser Kleinteiligkeit ist halt, dass außerhalb der Regionen und der Verbünde kaum jemand weiß, wie man sich in fremden Regionen bewegt und das damit ein Hindernungsgrund ist, öffentliche Nahverkehrsmittel zu benutzen.
00:02:10: Das
00:02:10: heißt, das Ganze ist historisch gewachsen.
00:02:13: Welche Tarifmodelle gibt es denn aktuell?
00:02:16: Oh, viele!
00:02:17: Man kann schon unterscheiden zwischen Strecken- und Kilometer-Tarifen, zwischen Flächentarifen und zeitbezogenen Tarifen.
00:02:24: Dieser Deutschland-Tarif des Schienenpersonennahverkehrs zum Beispiel ist ein streckenbezogener Tarif.
00:02:29: Der gilt von Start zu Ziel und ich bezahle einen bestimmten Preis dafür.
00:02:33: In Verbünden sind Tickets meist flächenbezogen, zum Beispiel so ein Ticket AB in Berlin.
00:02:38: Was ähnliches gibt es in Frankfurt am Main oder München auch.
00:02:41: Zeitkarten, also Tages-, Monats- oder Jahreskarten, haben neben ihrer räumlichen Gültigkeit eine zeitliche, die gilt halt eben einen Monat, ein Jahr oder einen Tag.
00:02:50: Wichtig ist, dass wir noch weitere Tarifangebote für bestimmte Nutzergruppen haben, die häufig auch die Tarifangebote dominieren, also Tickets für Schülerinnen und Schüler, für Auszubildende, für Studierende, für Seniorinnen und Senioren.
00:03:04: Und an die Jobtickets für Beschäftigte einzelner Unternehmen müssen wir auch denken.
00:03:09: Es ist also, das zeigt die Aufzählung, nicht sehr übersichtlich, nicht leicht zu verstehen, wie man sich in der Republik von A nach B bewegt.
00:03:18: Und was versteht man unter einem E-Tarif und wie unterscheidet der sich von klassischen Tarifen?
00:03:24: E-Tarif, das ist die Kurzform für einen elektronischen Tarif, der ergänzt bisher bestehende Tarifsysteme, damit wird der Fahrpreis auf Basis der Entfernung ermittelt, indem man sich im Fahrzeug an- oder abmeldet oder die Anwesenheit im Fahrzeug erfasst wird über das Smartphone.
00:03:40: Das hat zum Ziel eben die beschriebene Unübersichtlichkeit zu überwinden und den Kundinnen und Kunden die Benutzung der Verkehrsmittel leichter zu machen.
00:03:48: Da gibt es in Deutschland eine Reihe von Anwendungsfällen.
00:03:51: Eezy in Nordrhein-Westfalen ist ein Beispiel.
00:03:53: Die Werben mit "Einfach Einchecken, Auschecken, Luftlinie zahlen, fertig".
00:03:57: Im Verkehrsverbund Rhein-Neckar oder Verkehrsverbund Großraum Nürnberg gibt es entsprechende Tarife.
00:04:03: Das zeigt aber auch, eine bundesweite Lösung haben wir auch an der Stelle bisher nicht.
00:04:08: Herzlichen Dank, Herr Roß.
00:04:10: Jetzt wissen wir schon mal, wo wir herkommen und wie es aktuell in Deutschland aussieht.
00:04:14: Aber wie soll es jetzt weitergehen?
00:04:16: Für die Frage haben wir heute noch zwei weitere Gäste eingeladen.
00:04:20: Ich spreche jetzt mit Herrn Prof.
00:04:21: Alexander Baur von der Technischen Hochschule Ingolstadt über sein mFUND-Projekt TransFairTarif.
00:04:27: Was sind aktuelle technische Herausforderungen?
00:04:29: Was ist eigentlich ein faires Tarifsystem?
00:04:32: Und welche Fortschritte hat das Projekt bereits erreicht?
00:04:34: Und anschließend freue ich mich sehr über mein Gespräch mit Anna-Theresa Corbutt, Geschäftsführerin des Hamburger Verkehrsverbunds.
00:04:41: Ich frage sie nach der Hamburger Mobilität, nach zukünftigen Tarifsystemen und nach ihrer Vision für die Zukunft des ÖPNV.
00:04:50: Ich bin Johanna Merkle.
00:04:51: Und ich bin Felix Schneider.
00:04:52: Viel Spaß!
00:05:00: Herr Prof.
00:05:01: Alexander Baur ist Professor für innovative Mobilitätskonzepte und Geschäftsmodelle der Künstlichen Intelligenz an der Technischen Hochschule Ingolstadt und leitet dort das KI-Transferzentrum.
00:05:12: Seine Forschung verbindet Künstliche Intelligenz, Operations-Research und nachhaltige Mobilität mit einem besonderen Fokus auf neue Mobilitätsdienste.
00:05:21: Zuvor war er in leitenden Funktionen bei Bosch In-House Consulting sowie bei ShareNow tätig.
00:05:27: Hallo Herr Baur, schön, dass Sie da sind.
00:05:29: Hallo
00:05:29: auch von meiner Seite.
00:05:31: Wir haben
00:05:31: gerade schon gehört von Herrn Roß, wie sich die aktuelle Tarif-Situation in Deutschland entwickelt hat.
00:05:36: Was sind denn die drei Hauptprobleme bestehender Tarifsysteme?
00:05:40: Ja, das ist wirklich eine spannende Frage.
00:05:43: Es kommt auch immer so ein bisschen drauf an, aus welcher Sicht man das sieht.
00:05:47: Wenn wir jetzt hier mal die Kundensicht einnehmen, das ist sicherlich die spannendste,
00:05:51: und da jetzt insbesondere den Gelegenheitsfahrer, der nicht so total vertraut ist mit den Tarifsystemen wie jetzt vielleicht jemand, der eh ein Deutschlandticket hat, der hat den Betrieb das natürlich nicht so.
00:06:00: Aber für denjenigen sind die Hauptprobleme die Komplexität, die fehlende Integration und die Fairness.
00:06:07: Und wenn wir jetzt uns erstmal die Komplexität anschauen und uns vorstellen, ich gehe jetzt als Gelegenheitsfahrer oder bin neu in der Stadt und will da jetzt ein Ticket kaufen, dann sehe ich, je nachdem, wo ich gerade bin, eben ein unterschiedliches Konstrukt aus Zonen, dann habe ich mal Waben oder Ringe, dann habe ich verschiedene Preisstufen, verschiedene Ticketarten.
00:06:30: Und das macht es für den Kunden dann wirklich schwierig, das für ihn richtige Ticket zu identifizieren.
00:06:34: Der Kunde hat dann da oft auch gewisse Ängste, dass er jetzt zu wenig kauft an Ticket und dann schwarz fährt, unbewusst oder dass er vielleicht einfach viel zu viel kauft und auch viel günstiger wegkommen würde.
00:06:45: Und das macht es für ihn an der Stelle sehr, sehr schwer.
00:06:47: Und was meinen Sie mit der fehlenden Integration?
00:06:50: Die fehlende Integration, da meine ich sowohl zwischen Verkehrsverbünden, also wenn Sie jetzt zum Beispiel die App für Ihren Heimatverbund haben und dort ein Einzelticket regulär kaufen und jetzt gehen Sie mit der App zum Beispiel nach Hamburg oder nach Berlin, dann ist es da nicht möglich, dass Sie in der App quasi weiterhin bleiben und dort ein Einzelticket oder ein Tagesticket kaufen.
00:07:08: Dann müssen Sie sich erst wieder die App des anderen Verkehrsverbunds runterladen oder halt an einem Kassenautomat nachher sich da was kaufen.
00:07:16: Das macht es insgesamt dann schwierig.
00:07:18: Eine weitere Dimension der Integration ist dann auch die Integration von verschiedenen Verkehrsmitteln.
00:07:24: Wenn man typischerweise eine multimodale Reisekette hat, also nicht nur ein Verkehrsmittel benutzt auf seiner Reise von A nach B. Dann kann es z.B.
00:07:34: so aussehen, Sie nutzen einen Scooter, um vielleicht zur U-Bahn-Haltestelle zu kommen, dann fahren Sie mit der U-Bahn und am Ende nutzen Sie beispielsweise noch ein Sharing-Bike, um die letzte Meile zurückzulegen.
00:07:44: Dann ist heutzutage die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass Sie mit diesen drei Verkehrsmitteln drei unterschiedliche Tickets benötigen und dass die Preismodelle dahinter auch komplett unterschiedlich sind.
00:07:54: Die Scooter sind pro Minute, das U-Bahn-Ticket ist dann quasi ein Zonentarif und das Sharing-Bike hat dann oftmals vielleicht die ersten zehn, zwanzig Minuten noch frei.
00:08:02: Das ist wirklich - auch hier fehlt es stark an der Integration zwischen den Verkehrsmitteln.
00:08:07: Und das hat dann ja sicherlich auch Auswirkungen auf die Fairness, die Sie gerade schon angesprochen hatten.
00:08:11: Was hat es damit denn sonst noch auf sich?
00:08:14: Absolut.
00:08:15: Das ist ein wirklich wichtiger Punkt, den wir auch immer wieder sehen, wenn wir analysieren, wie sich Leute in Verkehrsverbünden bewegen.
00:08:23: Wir sehen, dass Leute, die genau die gleiche Strecke fahren, unterschiedlich viel bezahlen, oder halt auch Leute für den gleichen Preis ganz unterschiedliche Längen auf einmal fahren dürfen.
00:08:35: Da darf jemand für drei Euro bis zu fünfzehn Kilometer fahren hier bei uns im Verkehrsverbund und andere zahlen genauso drei Euro und können aber nur oder fahren nur zwei Kilometer.
00:08:44: Ja, dann ist das natürlich nicht wirklich im Sinne des großen Fairnessgedanken.
00:08:49: Und wenn wir uns jetzt die Zukunft versuchen vorzustellen, welche Aspekte müssen denn dann bei einer zukunftsfähigen Tarifgestaltung berücksichtigt werden?
00:08:57: Ja, grundsätzlich ist natürlich so eine Tarifgestaltung auch wirklich kompliziert.
00:09:02: Das sieht immer so einfach aus.
00:09:04: Man hat da so eine Preistabelle und vielleicht noch ein paar Zonen, aber dahinter steckt eben relativ viel.
00:09:09: Man muss auf der einen Seite den Kunden im Blick haben.
00:09:12: Das wäre jetzt einfach das, was man sicherlich zukünftig mehr haben muss.
00:09:16: Mehr aus Sicht des Kunden Tarifmodelle, denken und weniger jetzt aus der Sicht des Verbundes.
00:09:21: Dann muss man aber natürlich auch weiterhin berücksichtigen, ja, was kann die Technik, ja, kann die überhaupt manche Tarife abbilden?
00:09:28: Kann ich das als Verbund schon?
00:09:30: Ja, bin ich da soweit?
00:09:31: Ich muss schauen, dass die Wirtschaftlichkeit trotzdem noch gegeben ist.
00:09:34: Und das muss zur aktuellen Politik passen.
00:09:36: Das ist natürlich schon am Ende des Tages ein wesentlicher Faktor.
00:09:40: Aber wenn ich jetzt wirklich schaue in Sachen Zukunft, was müssen wir da besser machen?
00:09:45: Dann ist es sicherlich a, wie genannt, die Kundenzentrierung.
00:09:47: Es ist sicherlich die Integration mehrerer Verkehrsmittel, das ÖPNV und last but not least auch wirklich die konsequente Datennutzung.
00:09:57: Ich muss sowohl die Daten erheben, ich muss mich darauf einstellen und mir überlegen, habe ich eine Datenstrategie, wie ich Daten erhebe und dann muss ich die natürlich auch nutzen, um nachher mein Tarifsystem entsprechend zu verbessern.
00:10:08: Das führt jetzt direkt zur nächsten Frage.
00:10:10: Vor welchen technologischen Herausforderungen stehen wir denn
00:10:13: aktuell?
00:10:14: Wir haben natürlich große technologische Herausforderungen in dem Bereich.
00:10:17: Typischerweise ist der ÖPNV eher unterfinanziert und das bedeutet natürlich auch, dass die Unternehmen, die ihn betreiben, an vielen Stellen auch keine Technologieunternehmen sind.
00:10:28: Da ist so die Datenhaltung dann oft ein Problem.
00:10:31: Die Daten sind oft nicht zentral gespeichert, liegen in Silos, sind nicht zentral vorhanden.
00:10:36: Dann braucht man überhaupt erst mal die Technologien, um die nachher auch auszuwerten und natürlich auch die Leute, die die entsprechenden Skills da haben.
00:10:42: Und das ist natürlich in Szenarien, wo einfach eine Finanzierung für den ÖPNV auch schwierig ist, dann immer noch ein zusätzlicher Aufwand.
00:10:50: Und da sind wir heutzutage an vielen Stellen noch nicht.
00:10:53: Wir haben in der Einleitung schon ganz kurz darüber gesprochen, dass Felix die Erfahrung gemacht hat, dass das mit einem E-Tarif nicht geklappt hat, weil der dann am Ende doch teurer war als das Ticket, das man direkt hätte kaufen können.
00:11:04: Woran liegt das denn dann?
00:11:05: Also ist die Technik irgendwie nicht so weit den günstigsten Tarif zu finden
00:11:08: oder woran scheitert das in dem Moment?
00:11:11: Ohne dass ich jetzt die Hintergründe genauer kennen würde, warum das jetzt hier an der Stelle gescheitert ist.
00:11:16: Grundsätzlich sind wir heutzutage schon in der Lage, digitale Tarife anzubieten, die eine sogenannte Bestpreislogik haben und dann immer den günstigsten Tarif auswählen.
00:11:26: Ohne das, wenn ich das Vertrauen nicht dem Kunden kommunizieren kann und dafür nicht garantieren kann, dann geht natürlich das Vertrauen verloren und dann können wir auch die digitalen Tarife nicht erfolgreich machen.
00:11:37: Wenn ich immer vor jeder Fahrt rechnen muss, ah, mache ich jetzt ein digitales oder mache ich jetzt den Zonentarif, ist der jetzt für mich besser, dann führen wir das Modell ad-absurdum.
00:11:47: Es muss klar sein, wenn ich so einen Digitaltarif habe, der für mich automatisch die günstigste Kombination an Tickets berechnet, dass der dann auch wirklich funktioniert und die Leute müssen da wirklich viel mehr Vertrauen noch bekommen, weil das ist natürlich auch eine Realität, dass Digitaltarife in ihrer Beliebtheit aktuell noch ein großes Potential haben, sag ich mal.
00:12:07: Sie haben ein mFUND-Projekt.
00:12:08: Welchen technologischen Beitrag leisten Sie denn mit dem Projekt konkret?
00:12:13: Ja, also wir versuchen in dem Projekt genau die Probleme zu adressieren, die ich eingangs genannt hatte.
00:12:18: Ja, die Komplexität zu reduzieren, verschiedene Verkehrsanbieter zu integrieren und dann eben das Tarifsystem mithilfe von KI zu optimieren.
00:12:26: Und wie gehen Sie da ran und welchen Fortschritt schaffen Sie konkret?
00:12:30: Also unser Ziel ist, dass wir wegkommen von dieser Tarifgestaltung nach Bauchgefühl hin zu einer datenbasierten Tarifgestaltung.
00:12:39: Und jetzt muss man sich das so vorstellen.
00:12:41: So ein Tarif, so ein Verbund hat ja sehr viele Haltestellen und allein schon die Zonen richtig zu schneiden oder überhaupt zu schneiden, ist wirklich eine sehr, sehr schwierige Aufgabe.
00:12:50: Wir haben jetzt hier im Verbund Tausend Haltestellen ungefähr und ich habe unendlich viele Möglichkeiten, da Zonen zu schneiden.
00:12:57: und dass ich jetzt da mit "einfach mal draufgucken", ja, dann auf einmal die beste Möglichkeit finde,
00:13:03: da muss ich schon ein großer Optimist sein.
00:13:04: Und das versuchen wir auch im Rahmen des Projekts, dass wir eben KI gezielt einsetzen, um hier das beste Tarifmodell nachher zu nutzen, basierend darauf, dass ich eben die Kundenpräferenzen kenne.
00:13:17: Dafür haben wir eine Umfrage gemacht mit achthundert Teilnehmern, die eben dann ihre Präferenzen hinsichtlich Tarifmodellen kundgetan haben und dementsprechend integrieren wir das mit ins Modell und hoffen, dass dann am Ende, wir sind ja noch nicht so weit, dann halt wirklich ein gutes Modell herauskommt.
00:13:35: Das heißt
00:13:35: aber, Sie sind auch zu dem Schluss gekommen, dass ein Zonenmodell das Sinnvollste
00:13:39: ist?
00:13:40: Ja, das ist jetzt gut beobachtet.
00:13:42: Allerdings, nein, aktuell sind wir, ist es noch nicht das Zonenmodell.
00:13:46: Ja, wir probieren wirklich gerade alle möglichen Arten von Zonen.
00:13:49: Wir probieren auch distanzbasierte Tarife aus.
00:13:52: Distanzbasierte Tarife haben natürlicherweise den Vorteil, dass sie leichter zu integrieren sind mit anderen Mobilitätsanbietern.
00:13:59: Also wir kümmern uns ja hauptsächlich darum,
00:14:01: jetzt in der Machbarkeitsstudie, kriegen wir den On-Demand-Verkehr zusammen mit dem klassischen Linienverkehr?
00:14:09: Und da der On-Demand-Verkehr typischerweise distanzbasiert ist, ist natürlich distanzbasiert jetzt auch für uns eine Option.
00:14:16: Und wenn Sie sich jetzt für die Zonen entscheiden, inwiefern kann denn eine neue Gestaltung einer Zone für mich als Kundin am Ende einen Vorteil bringen?
00:14:25: Ja, unser Fokus liegt hier auf, was wir auch gesehen haben in der Kundenbefragung ist, dass die Kunden gerne innerhalb einer Zone bleiben.
00:14:34: Das macht es einfach für sie einfacher.
00:14:35: Sie sehen hier, ich bin in der Zone und muss mir jetzt nicht Gedanken machen, wenn ich jetzt über zwei, drei Zonen hinweg irgendwie fahre oder Ringe.
00:14:44: Und dementsprechend hat das Modell das auch insgeheim integriert und versucht die Zonen so zu schneiden, dass möglichst viele Kunden innerhalb nur einer Zone fahren und quasi die Zonen-Übergänge nachher minimiert werden.
00:14:57: Und somit hoffen wir das natürlich auch, wenn wir uns für ein Zonensystem entscheiden würden, wäre das sicherlich nachher ein Zonensystem, das eine minimale Anzahl an Zonen nachher noch hat.
00:15:07: Und welche Fragen sind
00:15:08: aktuell
00:15:09: für Sie noch offen im Projekt?
00:15:11: Ja, also wie das so immer in jedem Data Science Projekt eigentlich ist, da gibt es diesen Spruch, the data is always the problem.
00:15:19: Wir haben natürlich auch in dem Projekt an der einen oder anderen Stelle noch Probleme mit der Datenverfügbarkeit oder müssen da Annahmen treffen.
00:15:28: Bei uns jetzt im ganz konkreten Fall ist es, dass ein Teil des Gebietes quasi gar nicht erfasst ist in den Fahrgastzähldaten.
00:15:37: Das ist noch so ein Problem.
00:15:38: Und dann muss man natürlich auch schauen, wie gut ist nachher die KI-Lösung.
00:15:42: Die KI-Lösung weiß ja nicht, was jetzt ein schönes Zonenmodell ist, was man irgendwie schön auf ein Plakat drucken kann, sondern da kann natürlich auch sein, dass da wirklich was ganz zerfasertes rauskommt, wo man dann auch sagen muss, ah, da müssen wir jetzt vielleicht doch noch mal entweder im Modell nachsteuern oder vielleicht noch mal nachbearbeiten, dass man das auch für den Kunden... irgendwie verständlich nachher machen kann.
00:16:01: Da sind wir noch gespannt, wie das nachher rauskommt.
00:16:03: Und inwiefern sind die Ergebnisse, die ja jetzt aus Ingolstadt sind, wenn ich das richtig sehe, skalierbar?
00:16:08: Wir sind ja ein relativ kleiner Verbund, was natürlich auch Vorteile hat, weil wir halt relativ schnell und agil hier arbeiten können.
00:16:16: Grundsätzlich ist aber der Ansatz leicht übertragbar auf andere Verbünde.
00:16:20: Ja, die haben natürlich dann mal größere Rechenzeiten, gerade wenn man jetzt so Richtung KI denkt.
00:16:24: Dann haben wir da sicherlich noch ein Thema, das wir einfach auch Modelle brauchen, die sich einigermaßen schnell lösen lassen.
00:16:29: Aber an sich sehe ich da kein Problem, das auch auf andere Verbünde zu übertragen.
00:16:33: Ich würde Ihnen zum Abschluss gerne noch
00:16:35: ein paar
00:16:35: sehr kurze Fragen stellen.
00:16:38: Wann wird ein faires Tarifsystem in Deutschland Realität sein?
00:16:42: Wünschen würden sich das irgendwie alle, aber es ist am Ende des Tages eine Frage des Geldes und des politischen Willens.
00:16:47: Was sind die drei größten aktuellen Herausforderungen auf dem Weg zu einem zukunftsfähigen Tarifsystem?
00:16:53: Die
00:16:54: größten Herausforderungen sind die konsequente Datennutzung und Verfügbarkeit für die Optimierung von Tarifsystemen.
00:17:00: Wir wollen hier die Komplexität reduzieren und die Fairness erhöhen.
00:17:05: Was sind die nächsten Schritte zu diesem zukunftsfähigen Tarifsystem?
00:17:08: Das
00:17:09: zukunftsfähige Tarifsystem wird sicherlich eines sein, das konsequent Daten nutzt, um es zu optimieren und gleichzeitig aber auch KI einsetzt, um hier sinnvolle Ergebnisse zu kreieren.
00:17:27: Nachdem Johanna mit Professor Alexander Baur darüber gesprochen hat, wie Tarifsysteme in Deutschland in Zukunft aussehen könnten und wo wir aktuell technologisch stehen, soll es jetzt um Verantwortungsfragen und Zukunftsvisionen gehen.
00:17:41: Anna-Teresa Korbutt ist seit April 2021 Geschäftsführerin des Hamburger Verkehrsverbunds. Zuvor war Frau Korbutt unter anderem in verschiedenen Stabs-, Strategie- und Marketingfunktionen bei der Deutschen Bahn AG tätig sowie bei den Österreichischen Bundesbahnen, wo sie die Konzernstrategie und Unternehmensentwicklung leitete.
00:18:01:
00:18:01: Hallo, Frau Korbutt.
00:18:02: Hallo, ich grüße
00:18:02: Sie.
00:18:02: Frau Korbutt, Sie wurden vom Fahrgastverband ProBahn im Jahr 2023 Zitat für Ihren mutigen und visionären Einsatz für eine deutliche Vereinfachung des Tarifsystems ausgezeichnet.
00:18:15: Was bedeutet denn Vereinfachung des Tarifsystems für Sie?
00:18:19: Also, vorweg möchte ich mal sagen, das war mit Abstand der schönste Preis, den ich jemals im Leben bekommen habe.
00:18:24: Ja, und ein auch total unerwarteter. Es ist... nicht gängig, sage ich mal, aus dem Managersektor, dass man vom Fahrgastverband mit so einer hohen Ehre ausgezeichnet wird.
00:18:35: Das hat mich sehr gefreut und auf der anderen Seite mich auch bestärkt in dem Zugang.
00:18:39: Was einfache Tarifsysteme sind, es sind Tarifsysteme, über die ich nicht nachdenken muss, die mir eine komplette Freiheit geben in der Art und Weise, wie ich das Produkt oder eine Dienstleistung nutze.
00:18:50: Ich kann das immer sehr schön mit Handytarifen vergleichen.
00:18:53: Wer von Ihnen oder von euch denkt denn darüber nach, was er für einen Handytarif hat?
00:18:56: Höchstens wenn man ins Ausland geht, wo man über die Roaming-Frage noch mal nachdenkt.
00:19:00: Aber ansonsten sind ja die ganzen Handytarife mittlerweile so aufgebaut, dass du einen sehr großen Datenumfang hast, dass du nicht mehr über deine SMS, MMS und was es da nicht früher alles gab, nachdenken musst.
00:19:11: Und das ist so eine Herausforderung in unserer Branche.
00:19:14: Wir sind dann doch sehr historisch zementiert, wenig zu verändern.
00:19:18: Also ein gutes Tarifsystem sollte möglichst einfach sein.
00:19:20: Was sind noch so andere Voraussetzungen, die ein gutes Tarifsystem mitbringen sollte aus Ihrer Perspektive?
00:19:27: Also ich möchte es nicht erklärt bekommen und ich möchte es relativ zügig im Besitz haben.
00:19:32: So und bedeutet digital einfach zugänglich, am besten so wenig Klicks und Swipes wie irgendwie möglich für die Kunden, die nicht so digital affin sind, die möchten auch nicht vor einem Automaten stehen und dann siebzig Knöpfchen drücken müssen, um an ihr Ticket dran zu kommen.
00:19:48: Also ich glaube, das muss so intuitiv sein.
00:19:50: Rein irgendwas drücken oder irgendwas swipen, Sache erledigt.
00:19:54: Wenn überhaupt, man sieht es ja am Deutschlandticket, das ist eine Flatrate, du steigst einfach ein, Sache erledigt.
00:19:57: Du musst dich damit gar nicht mehr befassen.
00:19:59: Aber nicht für alle Kundinnen ist gleich ein Abotarif der richtige Einstieg.
00:20:03: Also es kommt ein bisschen darauf an von wo man schaut, aber einfache Zugänglichkeit ohne dass man ein IT-Studium hinter sich haben muss wäre schön.
00:20:10: Und wie haben Sie das in Hamburg bisher umgesetzt?
00:20:13: Genau so.
00:20:14: Also wir hatten oder ich hatte wahnsinnig viel Glück.
00:20:16: Siebtüchtigen muss ja auch manchmal Glück einhergehen, dass zu meiner Zeit erst das 9-Euro und dann das Deutschlandticket kam.
00:20:22: Und wir haben mit diesem Zugang als erster Verbund in Deutschland mit der Einführung des Deutschlandtickets auch das gesamte Zeitkartensortiment abgeschafft.
00:20:30: Also bei uns bekommen Sie faktisch nur noch drei Zeitkarten.
00:20:33: Das ist das Deutschlandticket, eine Monats- oder eine Wochenkarte.
00:20:36: Mehr gibt es gar nicht mehr und wir hatten über hundert Stück davon.
00:20:39: Das heißt, wir haben die Einfachheit gleich so mit rüber genommen, dass der Kunde, also ich sage dem Kunden bleibt nichts anderes übrig als sich bei uns im System
00:20:48: im Zeitkartensektor mit dem Deutschlandticket zu befassen.
00:20:50: Auch alle Zusatzprodukte sind da drauf aufgebaut.
00:20:52: Und damit haben wir eine massive Entschlackung und Vereinfachung auch im Vertrieb und in der Kommunikation geschaffen.
00:20:57: Im nächsten Schritt wollen wir das auch für den Bartarif machen.
00:21:00: Da hinken wir noch hinten nach.
00:21:02: Wir haben vorhin ja was über das mFUND-Projekt TransFairTarif gehört und Ziel dieses Projekts ist es ja Tarifzonen und beispielsweise die Höhe der Tarife mithilfe von KI-gestützter Auswertung von Mobilitätsdaten und Umfragedaten zu optimieren.
00:21:16: Und ein zentrales Anliegen des Projekts ist es jetzt, Fairness zu verbessern.
00:21:20: Sie haben jetzt gerade gesagt, dass Sie die Zeitkarten beispielsweise abgeschafft haben.
00:21:23: Zu Gunsten einer Simplizität, einer Einfachheit, einer einfachen Bedienbarkeit.
00:21:28: Glauben Sie nicht, dass das auch auf Kosten der Fairness geht?
00:21:30: Für gewisse Zielgruppen?
00:21:32: Nein, absolut nicht.
00:21:33: Also erstens mal ist das Deutschland-Ticket das fairste Produkt, glaube ich, was wir je gehabt haben.
00:21:38: Im Preis-Leistungsverhältnis müssen Sie wissen, dass wir im Zeitkarten-Abonnement preislich von knappen hundert Euro kommen.
00:21:45: Und wir hatten neunundvierzig, achtundfünfzig Euro,
00:21:46: jetzt der neue Preis.
00:21:48: Ja, ich bin persönlich nicht glücklich über diese massiven Preissteigerung, aber nichtsdestotrotz.
00:21:52: Ist das nicht das Fairste, was Sie haben können?
00:21:54: Monatlich jedes Mal raus.
00:21:55: Vorher hatten Sie ein Jahres-Abo, da tut sich ja die Branche bei uns ja auch immer so wahnsinnig schwer.
00:21:59: Also Sie haben dort auf allen Facetten dazu gewonnen.
00:22:01: Das Thema der Fairness würde ich dort überhaupt nicht verstehen, wo der Anknüpfungspunkt kommen soll.
00:22:07: Der Anknüpfungspunkt könnte zum Beispiel darin bestehen.
00:22:09: Ich wohne in der Hamburger Innenstadt, möchte gar nicht über die Hamburger Grenzen hinwegfahren und brauche jetzt eine Zeitkarte.
00:22:15: Nur für eine Strecke von drei Stationen, weil ich jeden Tag zur Arbeit fahre.
00:22:18: Und da finde ich jetzt verhältnismäßig die sechzig Euro Deutschland-Ticket schon relativ viel für diese Strecke.
00:22:24: Ich kann den Punkt verstehen, ich gebe dann immer ein sehr schönes Beispiel auch mit rein.
00:22:27: Der ÖPNV ist am Ende ein Massenbeförderungsmittel.
00:22:30: Zu vergleichen auch mit der Deutschen Post.
00:22:33: Der Deutschen Post zahlen sie auch immer für die Briefmarke.
00:22:36: Egal, ob sie die von München nach Hamburg schicken oder von Hamburg nach Norderstedt.
00:22:40: Das kostet immer das Gleiche.
00:22:41: Zur Post würde man jetzt auch nicht hingehen und sagen, naja, ich möchte ja hier nur die drei Straßen weiter, also muss meine Briefmarke günstiger sein.
00:22:48: Ist das fair?
00:22:49: Es ist mittelbar fair.
00:22:50: Ja, wir haben ich befördere zwei Millionen-Fahrgäste pro Tag.
00:22:54: So, ich muss am Ende schauen, dass ich einen Preis und ein Vertriebssystem habe, was für die Masse der Leute, für die große Mehrheit der Personen funktioniert.
00:23:02: Wenn ich das System verkompliziere, dann wird das so kleinteilig, dass ich das in einem Massenbeförderungsmarkt gar nicht abbilden kann.
00:23:08: Wenn die Post wieder anfangen würde, Briefe in Zonenpreise zu verteilen, dann würden wir uns auch alle fragen, was machen die?
00:23:13: Und
00:23:13: dahingehend muss ich sagen, ja, das kann ich verstehen, dass es diese Bedürfnisse immer wieder gibt.
00:23:18: Ja, aber wir sind dann hier sehr stringent und sagen, dafür haben wir dann aber einen Bartarif, in dem du dich bewegen kannst, wenn das für dich zu viel ist, weil wir unsere Systeme nicht weiter aufblasen möchten.
00:23:29: Jetzt ist ja das Thema unserer heutigen Sendung, das Thema E-Tarife.
00:23:33: Und Sie haben gesagt, na ja, der größte Wunsch ist eigentlich für Sie, dass das Tarifsystem möglichst simpel wird, möglichst bedienbar wird.
00:23:41: Gleichzeitig, wenn man diesen fernes Aspekt mit reinbringt, könnten E-Tarife ja möglicherweise ein innovative Ansatz sein, um beides miteinander zu verbinden.
00:23:49: Welchen Vorteil sehen Sie insbesondere bei E-Tarifen?
00:23:53: Also ich finde E-Tarif, die gibt es ja auch schon ewig.
00:23:56: Also das ist für mich jetzt auch nicht mehr so mega innovativ.
00:24:00: Es ist eine Art und Weise, meistens sind die entfernungsbasiert aufgebaut, eine entfernungsbasierte Fakturierung zuzulassen.
00:24:08: Und eigentlich, was man dadurch geschaffen hat, ist noch eine komplizierte Tarifstruktur oben drüber, weil wir haben ja das Bestandssystem und dann packen wir noch einen E-Tarif drüber. Und diesen E-Tarif, den müssen wir dann ja auch digital anders abbilden, deshalb brauchen wir dafür eine andere App, weil die Bestandsapps darauf aufgebaut sind, ihre Bestands-Tarife zu verkaufen.
00:24:26: Also was haben wir dadurch erreicht?
00:24:27: Gar nichts.
00:24:28: Und mein Zugang ist, wenn es da um eine Vereinfachung des Tarifs geht, dann müssten alle anderen Tarifstrukturen abgeschaffen werden.
00:24:35: Also nur wenn wir das schaffen, dann hat das alles andere einen wirklichen höheren Mehrwert.
00:24:39: Also ich würde ja eher hingehen und dann hingehen und sagen, warum gibt es nicht Preise für Metropol-Regionen, für Umland und dann für ganz Deutschland?
00:24:46: Also warum machen wir es so komplex?
00:24:47: Warum stellen wir immer diesen großen Wunsch, dass wir alles auf Personen oder Zugkilometer runterbrechen müssen und dass sich das dann irgendwie, wissen Sie auf gewissen Linien, wiederfindet?
00:24:58: Es ist ein so strebsamer Gedanke, dass wir den Zugang der Pauschalierung total vergessen.
00:25:03: Ich komme immer und immer wieder auf die Mobilfunkbetreiber zurück.
00:25:07: Wenn die sagen, du hast tausend frei SMS oder unlimitiert, dann haben die dahinter ja auch eine Rechenmethodik.
00:25:13: Das ist ja nicht, dass die uns irgendwas schenken.
00:25:15: Das können wir schon mal vergessen.
00:25:17: Aber trotzdem schaffen die es zu pauschalieren.
00:25:19: Warum in Gottes Namen schaffen wir es nicht.
00:25:21: Wir schaffen Pauschalierungen und setzen die aufs Bestandssystem.
00:25:24: Wir schaffen nichts ab.
00:25:25: Das ist übrigens auch ein Grund, warum wir den E-Tarif im HVV nicht eingeführt haben, weil ich dann wieder einen Tarif habe, der sich übrigens anders berechnet.
00:25:32: Da haben wir wieder die Fairness-Diskussion, warum der über einen E-Tarif einen anderen Preis zahlt, als der, der noch mal einen Zonentarif nutzen muss.
00:25:38: Wissen wir, was ich meine, und dann komme ich wieder in Teufels Küche.
00:25:40: Aber da muss ich noch mal nachfragen, weil es ist ja so, wenn ich eine App habe, die mir quasi automatisiert ausspuckt, wie der Tarif sein wird, dann brauche ich mich mit den Tarifen nicht auseinandersetzen und dann ist das auch im Endeffekt der gleiche, das gleiche Outcome, wie wenn ich einen pauschalierten Preis habe.
00:25:54: Im Hinblick auf die Einfachheit.
00:25:56: Ja, aber Sie haben einen wahnsinnigen technischen Aufwand dahinter.
00:25:58: Wissen Sie, was das kostet?
00:26:00: was das alles auf sich führt.
00:26:02: Also jetzt gehen wir hin und die setzen Technik ein, die wirklich nicht preiswert ist, müssen Sie das mal skalieren.
00:26:07: Ich brauche also KI um am Ende des Tages die Komplexität meines Systems zu übersetzen für den Endkunden.
00:26:12: Da würde ich doch immer als BWL-erin hingehen und sagen, dann lass die Komplexität rausnehmen.
00:26:16: Wozu braucht es die denn dann noch?
00:26:18: Ist das wirklich so schwer, eine Tarif auszurechnen?
00:26:21: Ich gebe Ihnen ein Beispiel, wir haben das bei uns im HVV auch gemacht.
00:26:23: Wir haben vor Einführung des Deutschlandtickets, ich glaube, zwei, zweieinhalb Jahre an hvv Any gearbeitet.
00:26:28: Das hvv Any bei uns ist ein System auf Beacontechnologie gewesen, wo sie einfach ein- und aussteigen.
00:26:33: Also Sie swipen ein, aussteigen müssen Sie nichts mehr machen.
00:26:36: Sie werden automatisch ausgeloggt und es wird Ihnen dann der hinterlegte Tarif gebucht.
00:26:40: Das heißt, Sie müssen sich auch da mit nichts befassen.
00:26:42: So, dann kam das Deutschlandticket.
00:26:44: Was glauben Sie denn, wie viele Leute das nutzen, dieses System oder bisher genutzt haben?
00:26:48: Das ist das einfachste der Welt.
00:26:49: Sie gehen rein, Sie swipen nur, gehen raus und Sie kriegen den Tagesbestpreis abgerechnet.
00:26:52: Alles super, müssen Sie nichts machen.
00:26:54: So, wir haben im Monat keine Zehntausend User dafür.
00:26:57: Im Monat.
00:26:58: Das ist gar nichts.
00:26:59: Wir werden dieses System jetzt einstellen.
00:27:01: Wissen Sie, ich komme ja aus der intrinsischen Motivation, Systemkomplexität rauszunehmen und nicht Komplexität mit einem anderen System wieder zu ersetzen.
00:27:08: Natürlich kann das alles KI und natürlich ist es besser als gar nichts haben, aber es ist aus meiner Sicht der falsche Zugang.
00:27:13: Sie
00:27:14: hatten jetzt gerade gesagt, sie kommen aus dem Wunsch heraus, Komplexität zu reduzieren und haben Ihre Karriere ja dem ÖPNV gewidmet.
00:27:21: Und ich gehe auch mal davon aus, dass eins Ihrer Ziele ist, Menschen stärker zum ÖPNV zu bringen.
00:27:24: Wie hoch schätzen Sie denn insgesamt den Einfluss von Tarifen und Tarifsystemen dabei ein?
00:27:30: Ich würde das nicht unterschätzen.
00:27:32: Also, ich glaube, es gibt unterschiedliche Zielgruppen.
00:27:34: Es gibt die, die viel mit uns fahren, die sind drin im System.
00:27:38: Es geht ja am Ende des Tages um die Einsteiger, oder um die Wenigfahrer.
00:27:42: Und die haben gewisse Hürden, entweder es ist die Preis, der Preispunkt.
00:27:45: Wie Sie dann sagen, für vier Euro oder so, mich da von A nach B für sechs oder sieben Haltestellen zu bewegen, das ist mir einfach pro Richtung, dann hin und zurück sind acht Euro, das ist mir einfach zu viel.
00:27:54: Da sind die Leute, die das Tarifsystem nicht verstehen, die dann Sorge haben, das falsche Ticket zu kaufen.
00:28:00: Das ist eine Sorge, das kann ich verstehen.
00:28:03: Und das andere Thema ist, wie ist denn der Zugang zum System?
00:28:05: Also, Sie haben jetzt auch schon mittlerweile ja viele Städte, zum Beispiel, wo der Busfahrerverkauf nicht mehr da ist.
00:28:10: Das heißt, auch nicht jede Bushaltestelle ist mit dem Automaten ausgestattet.
00:28:14: Das heißt, Sie brauchen ein anderes System, entweder digital oder prepaid.
00:28:17: Das schreckt Leute auch ab.
00:28:18: Und damit macht es keinen einfachen Zugang zum System.
00:28:21: Ich glaube schon, dass Tarife eine Hürde darstellen, weil sie einfach schlussweg keine Lust haben, sich damit zu befassen.
00:28:29: Und sie plädieren ja insgesamt dafür Tarifsysteme zu vereinfachen.
00:28:33: Was sind noch andere Hürden, die wir in Deutschland gerade haben?
00:28:36: Oder was sind auch die größten Herausforderungen dabei, das Tarifsystem oder die Tarifsysteme in Deutschland insgesamt zu vereinfachen?
00:28:42: Na ja, das ist die Verantwortlichkeit, sag ich mal, wo Tarifsysteme gemacht werden.
00:28:49: Und Tarifhoheit liegt bei den Verbünden.
00:28:51: Davon haben wir, je nachdem, wem Sie glauben, zwischen siebzig bis hundertzwanzig, da kursieren immer die meisten breiten Zahlen dieser Welt, sagen wir mal, die Welt liegt irgendwo dazwischen.
00:28:58: Und so wie überall, Tarifpolitik ist ja auch ... Das sagt ja das Wort Tarif und Politik.
00:29:05: Sie haben da ja beides drin.
00:29:06: Sie haben da einmal den betriebswirtschaftlichen Faktor drin.
00:29:09: Und es ist aber auch ein politischer Faktor.
00:29:11: Also habe ich einen Sondertarif für Senioren, habe ich was für die Schülerinnen getan.
00:29:15: Ne, ist in meinem Landkreis, in meiner Stadt der Tarif besonders günstig oder nicht günstig.
00:29:19: Das ist ja schon etwas womit Politik betrieben wird.
00:29:21: Auch Preisanpassungen und so weiter.
00:29:23: Also Sie sehen das ja auch bei uns.
00:29:24: Das geht ja bei uns in alle Kaskaden bis zum Bürgermeister hoch und wieder runter.
00:29:27: So, also das ist ein tarifpolitisches Thema.
00:29:30: Und deshalb ist es auch so schwierig
00:29:31: da dran zu kommen.
00:29:32: Was es ja brauchen würde, ist eine Konsolidierung.
00:29:35: Es gibt unterschiedliche Wege, wie man Tarifbemessungsgrundlagen aufsetzen kann, aber am Ende des Tages müsste man sich auf einen einigen und den deutschlandweit ausrollen.
00:29:42: Und wie kommt man dann dahin?
00:29:43: Also
00:29:43: sie müssten ja de facto Strukturen zusammenlegen.
00:29:46: Sie müssten auf Bund- und auf Länderseite anfangen, Tarifpolitik über die Verbünde hinaus zu bündeln bzw.
00:29:52: sage ich mal Tarifgeber zu kreieren, die größere Räume abdecken können.
00:29:57: Es gibt schon Länder, die machen das.
00:29:59: Bayern fängt ja an, Verbünde zu konsolidieren.
00:30:01: Der VRR hat in NRW angefangen, zu konsolidieren.
00:30:05: Das ist innerhalb der Landesfreiheit schon mal in die ersten Schritte geht.
00:30:08: Das ist aus meiner Sicht der einzig richtige Weg, das zu tun.
00:30:11: Sie müssen einfach die Zuschnitte der Tarifgeber, sag ich mal, vergrößern.
00:30:15: Können Sie noch einmal skizzieren, wie Ihre Vision des Tarifsystems in Deutschland vielleicht für in zehn Jahren aussieht?
00:30:22: Also wenn ich mir die Welt bauen würde, würde ich diese lokale Preispolitik ganz abschaffen.
00:30:27: Also ich würde wirklich hin gehen und sagen, es gibt ein Deutschlandticket und daneben gibt es dann auch einen Deutschland-Tarif.
00:30:32: Der setzt sich aus drei bis fünf Preisstufen zusammen, die man dann geographisch nochmal festigen müsste oder definieren müsste.
00:30:40: Und dann würde das mein Umsetzungshorizont sein.
00:30:43: Dann gibt es Tarife für große Städte, weiß ich, größer eine Million.
00:30:46: Also wir müssen nach den Agglomerationsräumen schauen, nach Metropolgebieten vielleicht auch noch schauen.
00:30:51: Ich würde was für kleinere Städte reinnehmen, für Landkreise, für ländliche Regionen, für lange Reiseweiten und würde das dann in eine Gesamtlogik kippen und würde mich verabschieden wollen von diesem ganzen regional betupften Preis-
00:31:04: politikzugängen.
00:31:06: So würde ich das jetzt mal charmant formulieren.
00:31:08: So, das ist aber eine massive Vision.
00:31:11: Also die wird es auch sogar, wenn wir heute anfangen, würde es die wahrscheinlich in zehn Jahren gar nicht geben, weil Sie so viele politische Runden drehen müssen.
00:31:17: Man würde das Thema ja vorher tot diskutieren, weil Sie müssten ja eigentlich die Tarifhochheit dann zentral bündeln.
00:31:24: Und die Diskussion haben wir ja nicht mal im Deutschlandticket geschafft.
00:31:26: Es gibt keinen zentralen Tarifgeber fürs Deutschlandticket.
00:31:28: Also wie soll es dann einen für den Flächentarif geben am
00:31:31: Ende des
00:31:31: Tages?
00:31:32: So, das ist natürlich dann die Kernfrage.
00:31:34: Aber da müsste man eigentlich in einer normalen, visionären Welt hin.
00:31:38: Und da tun wir uns schwer.
00:31:40: Frau Korbett, ich habe jetzt zum Abschluss unseres Gesprächs noch fünf kurze Fragen, bei denen ich Sie bitten würde, immer in zwei bis drei Sätzen maximal drauf zu antworten.
00:31:50: Wann wird eine simple Ticketstruktur in Deutschland Realität sein?
00:31:54: Gewünscht in zehn Jahren, realistisch glaube ich nicht, dass ich das erleben werde.
00:31:58: Was sind die drei größten aktuellen Herausforderungen?
00:32:01: Einheitlichkeit
00:32:02: in der Branche sage ich mal, politischer Wille das umzusetzen und leben lassen, im Sinne von anderen auch mal recht geben.
00:32:13: Was sind die nächsten Schritte zu einer einfachen Ticketstruktur? Wir bräuchten eine zentrale Tarifgeberschaft erst mal fürs Deutschlandticket, um zu zeigen, dass es funktioniert und das im zweiten Schritt zu erweitern.
00:32:23: Und welche gesellschaftlichen Herausforderungen sind damit womöglich verbunden? Es
00:32:25: wird immer Menschen geben, die nicht überzeugt sind.
00:32:28: Das ist auch Teil der Demokratie.
00:32:31: Das ist auch gut so, weil das führt immer dazu, dass man nochmal rekapituliert über das, was man tut.
00:32:35: Aber man sollte ein System schaffen, was für Achtzig bis Neunzig Prozent der Bevölkerung stimmig ist oder einen Vorteil bietet.
00:32:42: Und was wird für die Bevölkerung insgesamt
00:32:44: dadurch verbessert?
00:32:46: Die Einfachheit, schauen Sie sich die Ergebnisse aus dem Deutschlandticket an.
00:32:48: Sie können die dann eins zu eins für den Bartarif dann ja auch übermünzen.
00:32:52: Jeder von debeb ist ja auch irgendwo mal unterwegs.
00:32:54: Einfach einsteigen, losfahren, um sich keine Gedanken mehr darüber zu machen, ob man das richtige Tarifsystem gewählt hat, wäre schon ein riesengroßer Vorteil.
00:33:04: Heute ist sehr deutlich geworden, dass wir uns in einem Spannungsfeld zwischen Einfachheit und Fairness befinden, wenn wir über das Thema Tarife sprechen.
00:33:11: Herzlichen Dank an Jürgen Roß vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg, an Professor Alexander Baur von der Technischen Hochschule Ingolstadt und an Anna-Theresa Korbutt vom Hamburger Verkehrsverbund für die spannenden Einblicke und Diskussionen.
00:33:23: Euch, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, danken wir fürs Einschalten.
00:33:26: Bis bald!
00:33:29: Schön, dass ihr heute dabei wart.
00:33:31: Wenn es euch gefallen hat, abonniert uns gerne und teilt den Podcast.
00:33:35: Bei Fragen und Anregungen schreibt uns an mpact@tuv.com.
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