Europa im All: Satelliten-Souveränität und kritische Infrastruktur

Shownotes

Was ist kritische Infrastruktur und wie lässt sie sich schützen? Welche Rolle spielen Daten und Satelliten bei dieser Aufgabe? Und wo steht Europa in seiner Souveränität im Bereich Satelliten?

In der 23. mCAST-Folge sprechen wir mit unseren Gästen über kritische Infrastruktur, Satelliten und europäische Souveränität. Marcel Louwers von north.io erläutert anhand des mFUND-Projekts ARGUS die Herausforderungen beim Schutz kritischer Infrastruktur – besonders der Unterwasser-Infrastruktur – und die Möglichkeiten, die Datennutzung und -verschneidung eröffnen. Mit Dr. Dietmar Pilz von der Europäischen Weltraumorganisation ESA sprechen wir über die Bedeutung von Satelliten und Satellitendaten, die Rolle und Ziele Europas in dem Bereich und Souveränität. Es geht um Nutzungsmöglichkeiten, Unabhängigkeit und die Frage der Umsetzbarkeit.

Unsere Gäste sind sich einig: Satellitendaten sind grundlegend für relevante Themen wie kritische Infrastruktur, im Bereich Satelliten sollte Europa aber eine größere Unabhängigkeit anstreben.

Zu Gast im Podcast

Marcel Louwers studierte Medizin in Kiel und wechselte in die IT. Seitdem unterstützt er seitdem Entwickler und Projektmanager bei der Entwicklung von Hard- und Software, meist im Bereich der Kritischen Infrastruktur (KRITIS). Aktuell leitet er bei north.io die Forschungs- und Projektmanagementabteilung und ist dort unter anderem verantwortlich für das mFUND-Projekt ARGUS.

Herr Dr. Dietmar Pilz arbeitet seit über 20 Jahren im Bereich der europäischen und internationalen Raumfahrtindustrie. Er ist Director of Technology, Engineering and Quality bei der Europäischen Weltraumorganisation und leitet ESTEC, das Europäische Weltraumforschungs- und Technologiezentrum. Zuvor war er bei Airbus Defence & Space in verschiedenen Positionen tätig und beschäftigte sich u.a. mit den Themen Telekommunikation, Navigation und Erdbeobachtung.

Weiterführende Informationen

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00:00:05: mCAST, der Innovations-Podcast. Wie wir morgen unterwegs sind.

00:00:13: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge mCAST.

00:00:16: Zum Abschluss des mFUND-Jahres, in dem sich alles um Europa gedreht hat, wollen auch wir nochmal auf Europa schauen.

00:00:22: Habt

00:00:22: ihr mitbekommen, dass Anfang November eine Ariane-6-Rakete den neuen Sentinel-1-D-Satelliten ins All gebracht hat?

00:00:30: Ich nämlich nicht.

00:00:31: An mir ist das auch vorbeigegangen, dabei ist das ja eigentlich ein relevantes Thema.

00:00:35: Der Satellit wird unter anderem Daten für Forschung zum Klimawandel liefern, aber auch, um die Lage von Schiffen und unautorisierte Aktivitäten auf dem Meer zu erfassen.

00:00:45: Copernicus, dem europäischen Programm zur Erdbeobachtung.

00:00:48: Jetzt hast du es schon ein bisschen angeteasert, Johanna, aber warum braucht man denn überhaupt Satelliten?

00:00:53: Und warum spielt das eine Rolle für Europa - gerade jetzt?

00:00:56: Es gibt ja verschiedene Arten von Satelliten, zum Beispiel zur Kommunikation, zur Navigation und zur Verteidigung.

00:01:02: Der Sentinel Satellit, der gerade ins All geschickt wurde, ist ein Erdbeobachtungs-Satellit.

00:01:07: Er liefert Bilder und Messwerte, also Daten, die unter anderem auch Grundlage für Forschung sind.

00:01:12: Und die können dann beispielsweise auch für den Schutz von kritischer Infrastruktur genutzt werden.

00:01:16: Da gehen wir später noch genauer drauf ein.

00:01:18: Und warum ist das Thema Satelliten jetzt für Europa relevant?

00:01:21: Das sieht man zum Beispiel momentan an der Ukraine.

00:01:24: Die braucht Unterstützung für Internet und Kommunikation.

00:01:27: Und der Großteil dieser Unterstützung kommt aus den USA.

00:01:30: Zum Beispiel wird das ukrainische Mobilfunknetz durch das Starlink-Programm des US-Unternehmers Elon Musk unterstützt.

00:01:37: Das ist ja erstmal super, dass diese Möglichkeit zur Verfügung steht, aber schafft halt auch gewisse Abhängigkeiten.

00:01:43: Und deshalb fragen wir uns heute, wofür benötigen wir eigentlich grundsätzlich Satelliten?

00:01:48: Warum sind die zum Beispiel wichtig

00:01:49: für Logistik und Mobilität der Zukunft?

00:01:51: Wo steht Europa im Bereich Satelliten aktuell?

00:01:54: Und wie sieht es aus mit dem Thema Souveränität?

00:01:57: Und was bedeutet das dann eigentlich für Bürgerinnen und Bürger

00:02:00: und für die Forschungslandschaft?

00:02:01: Dafür haben wir heute wieder zwei Gäste mit dabei.

00:02:03: Felix spricht zuerst mit Marcel Louwers aus dem mFUND-Projekt ARGUS darüber, welche Herausforderungen es beim Schutz kritischer Infrastruktur auf hoher See gibt und welche Rolle Satellitendaten dabei spielen.

00:02:15: Und anschließend spricht Johanna mit Dr.

00:02:17: Dietmar Pilz, Direktor des Bereichs Technology, Engineering and Quality der europäischen Weltraumorganisation ESA über europäische Pläne und Entwicklungen, die Umsetzbarkeit dieser Ideen und die Folgen europäischer Souveränität bei Satelliten.

00:02:32: Ich bin Johanna Merkle.

00:02:33: Und ich bin Felix Schneider.

00:02:35: Viel Spaß mit der Folge.

00:02:43: Marcel Louwers studierte Medizin in Kiel und wechselte dann in die IT und unterstützt seitdem als Entwickler und Projektmanager die Entwicklung von Hard- und Software, meistens im Bereich von KRITIS, also kritischer Infrastruktur.

00:02:57: Aktuell leidet er bei North.IO in Kiel die Forschungs- und Projektmanagementabteilung

00:03:03: und ist dort unter anderem verantwortlich für das mFUND-Projekt ARGUS.

00:03:08: Hallo Herr Louwers, schön, dass Sie da sind.

00:03:09: Guten Tag.

00:03:10: In der heutigen Folge geht es ja um das Thema Satelliten.

00:03:13: Und wir haben in der Einleitung schon gehört, Satelliten erfüllen ja ganz, ganz unterschiedliche Funktionen.

00:03:18: Sie nutzen in Ihrem Projekt ja jetzt Satellitendaten für den Schutz von kritischer Infrastruktur.

00:03:23: Erstmal vorneweg, was ist denn kritische Infrastruktur eigentlich?

00:03:27: Oh, kritische Infrastruktur kann ganz, ganz viel sein.

00:03:31: Also man spricht von kritischer Infrastruktur immer dann, wenn Ausfall oder Beeinträchtigung von Anlagen zu langanhaltenden Versorgungsengpässen, großen Störungen der öffentlichen Sicherheit oder anderen gravierenden Folgen kommen würde.

00:03:45: Dann sprechen wir von kritischer Infrastruktur.

00:03:47: Das könnte zum Beispiel ein Unterseedatenkabel sein.

00:03:50: Das könnte eine Pipeline sein.

00:03:53: Das sind aber auch Häfen, Reedereien und natürlich auch irgendwelche maritime militärischen Anlagen.

00:04:00: Und inwiefern haben diese kritischen Infrastrukturen auf hoher See jetzt eine Relevanz für unser tägliches Leben?

00:04:05: Also sie hatten Unterwasserkabel zum Beispiel angesprochen.

00:04:07: Inwiefern ist das relevant für uns als Gesellschaft?

00:04:10: Das ist sehr, sehr relevant, weil - witziger Fakt, 99 Prozent des Internets wird über Unterseekabel weitergeleitet.

00:04:19: Genauso, wir haben es bei Nordstream I erlebt, wenn eine Öl oder Gaspipeline kaputt ist, dann ist Energieversorgung automatisch gestört.

00:04:27: Genauso aber auch Energieversorgung im Bereich erneuerbarer Energien.

00:04:31: Sie hatten jetzt Nord Stream schon angesprochen.

00:04:34: Das ist ja ein sehr prominentes Beispiel von Unterwasserinfrastruktur, die angegriffen wurde.

00:04:39: Aber welchen Risiken ist denn kritische Infrastruktur auf hoher See noch ausgesetzt?

00:04:43: Leider zahlreichen.

00:04:44: Also warum es konkret gemacht wird, müssen Sie die Herrschaften fragen, die es tun, aber ich kann Ihnen ein paar übliche Risiken geben.

00:04:52: Also erstmal haben wir bei kritischer Unterwasserinfrastruktur das Thema, dass es Unterwasser ist.

00:04:58: Also alles an Land, über Wasser können Sie schon einmal sehen.

00:05:01: Sehen ist ein großer Vorteil, wenn Sie Risiken vermeiden möchten.

00:05:04: Unterwasser können Sie nicht sehen.

00:05:06: Die Sachen Unterwasser haben eine riesige räumliche Ausdehnung und eben auch eine fehlende Überwachung.

00:05:12: Das heißt, wir sprechen über zigtausende Kilometer Kabel und Leitung, die aktuell nicht dauerhaft überwacht werden können.

00:05:20: Wir haben keine natürliche Sichtkontrolle.

00:05:21: Radar fällt in weiten Teilen weg.

00:05:23: Patrouillen sind teuer.

00:05:25: Sie können mit relativ geringem, einfachem Zugang einen sehr, sehr hohen Impact verursachten, wenn sie so ein Datenkabel kaputt machen oder eben eine Pipeline.

00:05:35: Dann sind ganze Regionen ohne Internet, ohne Strom, ohne Heizung.

00:05:39: Der Besitz dieser Infrastruktur ist sehr, sehr segmentiert.

00:05:43: Das heißt, es gehört nicht irgendwie einer Institution, einem Staat, das sind dann vielfältige Betreiberkonsortien, gerade die Kabel gehören zahlreichen Konsortien.

00:05:54: Sie haben zahlreiche segmentierte Besitztümer und das macht es auch schwer, das zu kontrollieren.

00:05:58: Und deswegen ist das so ein idealer Angriffsort, den wir gerade aktuell ja auch angegriffen erleben.

00:06:05: Also ein ziemlich exponierter möglicher Angriffsort.

00:06:07: Wie schützt man den denn aktuell schon?

00:06:10: Vielfältig zum Glück.

00:06:11: Also... Europa und gerade der deutsche Staat macht es mehr und mehr auf vielfältige Art und Weise.

00:06:18: Sowohl mit dem BSI-Gesetz als auch mit dem neuen Kritis-Dach-Gesetz werden da richtige Schritte umgesetzt.

00:06:25: Das heißt, wir verpflichten jetzt die Erbauer und die Betreiber diese Infrastruktur und diese kritische Infrastruktur zukünftig besser zu schützen, aber auch die deutschen, also der deutsche Staat und die EU, aber auch die militärischen Komponenten wie die NATO

00:06:40: ziehen jetzt die richtigen Schritte und patrouillieren mehr, bauen mehr Überwachungsinfrastruktur und versuchen diese Dinge mehr zu schützen.

00:06:48: Und natürlich auch die Betreiber tun ihren Teil, aber auch die Forschung, wo wir dann zum Zug kommen und neue Konzepte versuchen zu erstellen, um diesen Schutz von kritischer Infrastruktur zu garantieren.

00:06:59: Und an der Stelle kommt genau Ihr Projekt ARGUS

00:07:02: jetzt ins Spiel.

00:07:04: ARGUS nutzt Satellitendaten, um den Schutz kritischer Infrastruktur zu gewährleisten.

00:07:10: Können Sie darauf etwas konkreter eingehen?

00:07:13: Ja, gerne.

00:07:14: Also, was wir konkret tun, ist ein zwei sehr, sehr wichtige Dinge in diesem Schutz der kritischen Infrastruktur zu adressieren.

00:07:22: Und das ist einmal, die Entscheider in die Lage zu versetzen, ein besseres Lagebild zu bekommen.

00:07:27: Und das machen wir, indem wir konkret die Bedrohung von sogenannten Geisterschiffen adressieren.

00:07:34: Geisterschiffe sind Schiffe, die ihr automatisches Identifikationssystem aus welchen Gründen auch immer nicht anhaben, aber sehr wohl existieren.

00:07:44: Wir vergleichen hier mit Satellitendaten die Ist-Realität, mit der Sollrealität dieser AIS-Daten.

00:07:51: Finden so Schiffe, die ihr Positionssystem ausgestellt haben, aber über die Satellitendaten geortet werden können.

00:07:58: Verschneiden diese Daten dann mit Daten von kritischer Infrastruktur, die wir kennen

00:08:03: und können aus der Historie der Schiffe ein Risikopotenzial entwickeln.

00:08:07: Um so eine Einschätzung zu machen, geht von diesen Schiffen ein Risikopotenzial aus.

00:08:13: Satellitendaten sind da immens wichtig, weil die Meere, die wir versuchen zu schützen, sind riesig groß und nur mit Satelliten und der Abdeckung von Satelliten über diese Meere, diese globale Abdeckung, kommen wir überhaupt dahin, so einen Schutz umzusetzen.

00:08:30: Wir setzen da sowohl auf Radardaten als auch auf optische Daten, um perfekte Abbildungen zu haben.

00:08:39: Radardaten ermöglichen uns auch nachts Schiffe zu detektieren, auch bei Wolken.

00:08:44: Und wenn die Sichtbedingungen schlecht sind, optische Satellitendaten ermöglichen uns eine hochgradig gute Auflösung und eine sehr genaue Erkennung der Schiffe.

00:08:53: Gleichzeitig bieten die Satelliten aber auch die Möglichkeit diese AIS-Signale nicht regional begrenzt, sondern eben auch da über die komplette Satellitenabdeckung einzufangen.

00:09:04: Denn wenn dieses Positionssignal einfach ausfällt, ist das gar kein Problem.

00:09:08: Wenn es zufällig ausfällt über dem wichtigen Datenkabel, das zwei Länder verbindet oder über einen wichtigen Ölpipeline, dann ist das ein anderes Problem.

00:09:18: Und was passiert dann in der Konsequenz?

00:09:20: Also, jetzt haben Sie diese Daten und wissen, das Schiff befindet sich da und stellt ein potenzielles Risiko dar.

00:09:25: Was wäre der nächste Schritt?

00:09:26: Dabei kann es nicht bleiben, sondern der nächste Schritt ist dann zu gucken, ist da etwas passiert.

00:09:31: Das machen wir mit dem Vorher- und Nachher-Vergleich.

00:09:33: Dafür haben wir die automatisierte Überprüfung dieser kritischen Infrastruktur im Projekt.

00:09:39: Dafür haben wir einen Projektpartner, der autonome Über- und Unterwasserdrohnen betreibt.

00:09:48: Und das Szenario ist dann folgendes: nach der Detektion dieses vermeintlichen Risikos würde dann beispielsweise der Betreiber eines, nehmen wir einen Windparks, diese autonomen Vehikel zu der vermeintlichen Stelle schicken und gucken, wie ist der Zustand und das vergleichen mit den Daten, die er vorher erhoben hat.

00:10:08: Um so abzuklären, ist hier irgendwie Schindluder getrieben worden, ja oder nein.

00:10:13: Und welche Satellitendaten nutzen Sie gerade ganz konkret?

00:10:16: Wir benutzen Satellitendaten vornehmlich der ESA, Daten von den Sentinel-Satelliten und nutzen dort zahlreiche Daten mit sogenannte SAR-Daten, also Radar-Daten, aber auch wie gesagt optische Daten und wir greifen ebenfalls die AIS-Daten ab, die diese Satelliten empfangen haben.

00:10:38: Jetzt befindet sich Ihr Forschungs- und Entwicklungsprojekt nicht mehr in Forschungsstadium, sondern wir zoomen mal fünf Jahre nach vorne und nutzen ihre Forschungsergebnisse jetzt.

00:10:49: Was wäre jetzt der Worst Case?

00:10:51: Was müsste passieren, damit das System nicht mehr funktionieren würde?

00:10:55: Also das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, dass die Daten nicht mehr verfügbar wären.

00:11:00: Also sowohl die Daten, die erhoben werden, als auch die schon erhobenen Daten nicht mehr an die Entscheider kommen würde.

00:11:07: Und deswegen auch diesen Teil, ich nenne es einfach mal so ein Teil der kritischen Infrastruktur.

00:11:13: Und deswegen ist es immens wichtig, dass wir jetzt schon im Aufbau dieses Systems darauf achten, dass die Daten aus verlässlichen, souveränen europäischen Quellen stammen.

00:11:24: Das sind ganz vorne weg die Daten der ESA.

00:11:27: Aber auch ein, zwei kommerzielle Unternehmen, die sowohl im Europäischen als auch im nationalen Rahmen schon ihre Zuverlässigkeit bewiesen haben.

00:11:35: Damit eben genau das in Zukunft nicht passiert, dass wir diese Daten für die Überwachung von kritischer Unterwasserinfrastruktur benötigen, aber dann nicht haben, weil wir sehen es ja gerade im Alltag, diese Daten nicht mehr verfügbar gemacht werden, aus welchen Gründen auch immer.

00:11:49: Was sind aktuell ihre größten

00:11:51: Herausforderungen?

00:11:52: Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich im Projekt oder im Bezug auf eine mögliche Anwendung gerade konfrontiert?

00:11:58: Die für uns größte Herausforderung ist die Segmentierung in diesem Sicherheitsumfeld.

00:12:06: Wir haben eine große Anzahl an Stakeholdern, sowohl an staatlichen Teilnehmern als auch an privaten und es ist gar nicht so einfach, die vielfältigen Teilnehmer an diesen Szenarien in ein Boot zu holen mit den verschiedenen Zuständigkeiten und den verschiedenen Fähigkeiten, die sie haben.

00:12:27: Was für Stakeholder sind das?

00:12:29: Das sind verschiedene Betreiber von Datenkabeln in Windparks, Pipelines.

00:12:37: Das sind aber auch die verschiedenen Ministerien, die wir haben, die in diesem Bereich zuständig sind und die verschiedenen Behörden.

00:12:44: Ich würde zum Abschluss unseres Gesprächs gerne noch drei kurze Fragen stellen, auf die ich Sie bitten würde, auch relativ kurz, also in ein bis zwei Sätzen, zu antworten. Wann wird europäische Satelliten-Souveränität für den Schutz kritischer Infrastruktur Realität sein? 

00:13:01: Ich glaube, sie ist es in Teilen schon jetzt und wir arbeiten kontinuierlich daran, dass es in den nächsten Jahren noch besser und besser wird.

00:13:15: Was sind die drei größten Herausforderungen beim Schutz kritischer Infrastruktur? Sowohl für Satellitendaten als auch für alle anderen Daten ist die größte Herausforderung, die Menge an Datenformaten und pure Menge, die dabei zusammenkommt, zusammenzubringen, sodass dabei ein einfaches Bild entsteht, mit dem das Risiko eingeschätzt werden kann und dann auch entschieden werden

00:13:33: kann.

00:13:34: Was sind die nächsten Schritte?

00:13:36: Es gibt zwei Schritte, die ganz, ganz wichtig sind.

00:13:39: Der erste ist, dieses Projekt zu Ende zu führen und weiter zu forschen, an dem wie es sein kann

00:13:46: und der noch wichtigere ist, dieses Forschungsprojekt in die Realität umzusetzen.

00:13:52: Denn nur mit der Forschung allein gibt es noch keinen Schutz, sondern sie muss konkret im Hier und Jetzt umgesetzt

00:13:59: werden.

00:14:08: Nachdem wir mit Marcel Louwers darüber gesprochen haben, wie Satelliten zum Schutz von kritischer Infrastruktur beitragen können und wo wir aktuell technologisch stehen, soll es jetzt um europäische Ambitionen und Satellitensouveränität gehen.

00:14:21: Herr Dr.

00:14:22: Dietmar Pilz arbeitet seit über zwanzig Jahren im Bereich der europäischen und internationalen Raumfahrtindustrie.

00:14:28: Er ist Director of Technology, Engineering and Quality bei der Europäischen Weltraumorganisation und leitet ESTEC, das Europäische Weltraumforschungs- und Technologiezentrum.

00:14:38: Zuvor war er bei Airbus Defense & Space in verschiedenen Positionen tätig und beschäftigte sich unter anderem mit den Themen Telekommunikation, Navigation und Erdbeobachtung.

00:14:48: Hallo Herr Pilz, schön, dass Sie da sind.

00:14:50: Ja, guten Morgen, freut mich.

00:14:52: Im ersten Gespräch haben wir darüber gesprochen, dass Satellitendaten unter anderem dazu genutzt werden können, kritische Infrastruktur zu überwachen.

00:15:00: Warum sind denn eigentlich Satellitendaten noch wichtig und welche Einsatzbereiche gibt es aktuell?

00:15:06: Wir nennen das Erdbeobachtungsdaten.

00:15:08: Es ist ja auch das, auf das hier eingegangen wird.

00:15:10: Da gibt es unterschiedlichste Formen von Erdbeobachtungsdaten.

00:15:13: Da geht es vor allem auch erst mal um Forschung, Klimaforschung, Forschung an den Planeten selber. Feststellen, Langzeitmessungen des Wasserspiegels, Messungen der Temperatur.

00:15:28: Alle Wetterdaten, die wir bekommen, der größte Teil der Wetterdaten wird über Satelliten generiert, bei denen wir natürlich die Stürme sehen.

00:15:35: Das sind die Erdbeobachtungsdaten und Navigation, ich glaube, braucht man fast auch nicht mehr erklären.

00:15:40: Heutzutage alle Handys, alle Smartphones, alle Autos, viele Waffensysteme, fast alle Waffensysteme, die funktionieren alle immer über Navigationssignale und die werden über Satelliten bereitgestellt natürlich.

00:15:51: Und das dritte Großthema der Zeit ist Kommunikation, sei es über große Entfernungen, über was wir nennen geostationäre Satelliten oder auch über niedrig fliegende Satelliten, wo man dann auch schnelle Latenzzeiten, kurze Reaktionszeiten haben für die Kommunikation.

00:16:09: Also die Anwendungsbereiche sind mittlerweile enorm und dringen in jeden Bereich vor.

00:16:14: Und woher kommen Satellitendaten aktuell?

00:16:16: Also sind das europäische Daten oder wo kommen die her?

00:16:20: Je nachdem, wir betreiben eigene Flotten und eigene Satelliten, insbesondere bei der Erdbeobachtung sind wir stolz, dass wir mit dem Copernicus-System, das wir zusammen mit der Europäischen Union aufgebaut haben über die letzten fünfzehn, zwanzig Jahre, das mit Abstand größte und präziseste und auch weitreichendste Erdbeobachtungssystem haben, das war ursprünglich und das ist auch immer noch mit dem allerersten Anwendungszweck bezüglich Klimabeobachtung.

00:16:47: Deswegen heißt das Projekt nicht nur Copernicus sondern vor allem auch das sind die Sentinel, also die Wächter der Erde, bei denen wir den Zustand der Erde regelmäßig in allen möglichen Varianten messen, entsprechend dann die Daten.

00:17:00: Diese Daten kommen jetzt in allererster Linie aus Europa.

00:17:03: Es gibt auch andere natürlich, Satellitendaten, die man nutzen kann.

00:17:06: Aus Europa kommt der größte Teil der Wettersatelliten.

00:17:08: Also da haben wir sehr, sehr viele europäische Daten, die wir generieren und die wir natürlich in erster Linie auch unsere Mitgliedsstaaten und europäischen Staaten zur Verfügung stellen können.

00:17:18: Aber es gibt natürlich auch außerhalb von Europa viele Satelliten.

00:17:21: Gibt

00:17:21: es denn Bereiche, in denen Europa trotz allem abhängig ist oder angewiesen ist auf Daten aus den USA?

00:17:27: Auf Daten in dem Sinne fast nicht.

00:17:31: Wir haben ein Thema, wo wir sehr, sehr eng mit Amerika zusammenarbeiten.

00:17:35: Das ist, was wir als Space Safety, als Überwachung der Satelliten haben.

00:17:40: Es gibt in Europa, gibt es eben auch in den USA ein sehr großes Radarsatelliten-Überwachssystem auf dem Boden.

00:17:47: von dem aus die Satellitenbahnen ständig neu berechnet werden.

00:17:52: Wir haben mittlerweile Zehntausende von Satelliten im All, im Falle einer möglichen Kollision, die entsprechenden Satellitenbetreiber warnen, um dann eine Koalition unter allen Umständen zu vermeiden.

00:18:03: Hier gibt es in USA Systeme, die wir auch mitnutzen.

00:18:08: Wir haben europäische Systeme, aber die Sicherheit, wenn wir ein europäisches System allein nutzen würden, unser System wäre nicht so hoch, als wenn wir das mit den USA mitnehmen.

00:18:17: Aber umgekehrt nutzen die auch unsere Daten hier.

00:18:19: Also da ist es im Bereich von Daten, haben wir da eine gewisse Abhängigkeit.

00:18:24: Und Sie hatten vorhin das Thema Militär schon angesprochen, welche Rolle spielt denn die Satelliteninfrastruktur für europäische Sicherheit?

00:18:32: Das hat nichts nur mit europäischer Sicherheit zu tun.

00:18:34: Also die Raumfahrt, die Intelligenz, die Kommunikation, die bereitgestellt werden kann und die Navigation.

00:18:40: Alles, was ich vorher schon genannt habe, ist heutzutage für alle militärische Verteidigung unabdingbar und stellt einen enormen Vorteil dar.

00:18:50: Das sehen wir ja und hören wir und bekommen wir ja auch direkt aus dem Angriffskrieg der Russlands mit der Ukraine.

00:18:57: Wieso ist eine Souveränität auf dem Gebiet, Satelliten für Europa sonst noch notwendig?

00:19:03: Also erst mal in der Tat, ich hätte es nicht besser formulieren können.

00:19:08: Europa, das haben wir ja die letzten zwei bis drei Jahre gesehen, muss auch militärisch unabhängig werden, insbesondere von den USA, aber von anderen Staaten.

00:19:17: Das haben wir, glaube ich, alle gemerkt.

00:19:18: Ich will mich da gar nicht politisch einlassen, aber es ist, glaube ich, ein Fakt, dass wir da unabhängig werden müssen.

00:19:23: Also das eine militärisch ist ganz offensichtlich und glaube ich mittlerweile auch in allen Medien angekommen.

00:19:29: Und das zweite ist auch, wir wollen natürlich auch unabhängig sein in den zivilen Anwendungen.

00:19:34: Also auch da wollen wir natürlich nicht abhängig sein bei der Kommunikation, bei der Navigation.

00:19:40: Die sind essentiell für unsere Straßennetzwerke.

00:19:44: Es kann ja keiner mehr Auto fahren ohne Navigationssystem.

00:19:48: Und dann kommt ja kaum noch einer von A nach B. Karten kann man nicht mehr lesen.

00:19:52: Wir haben eine gewisse Abhängigkeit.

00:19:55: Unsere Technologie, die dahinter liegt, die Automobilindustrie, die natürlich in Europa autonomem Fahren strebt, braucht hochpräzise Daten, nicht nur Sensoren ums Auto rum, sondern auch Informationen.

00:20:09: Und die werden aus dem Weltall bereitgestellt.

00:20:13: Und in all diesen Themen, also die hintergelagerte Technologie hängt von der Raumfahrt ab und da müssen wir so unabhängig sein wie nur irgendwie möglich, gerade in der heutigen Situation, die wir ja leider erlebt haben in den letzten Jahren.

00:20:27: Und welche Ziele hat sich die Europäische Union diesbezüglich gesetzt?

00:20:32: Die Europäische Union plant in längeren Zeitbeständen als die ESA, hat sich dort ein Souveränitätsziel gesetzt, auch in der Technologie, in der dahinterliegenden Technologie.

00:20:43: Wir haben jetzt gerade viele über Daten gesprochen, über Satelliten, aber wir haben, und das habe ich vielleicht vorher noch nicht ausgeführt, wir haben immer noch eine gewisse Abhängigkeit in der darunterliegenden Technologie.

00:20:54: Die Satelliten müssen ja aus Komponenten aufgebaut werden.

00:20:58: Und da gibt es genauso Mikroprozessorchips wie auf dem Boden

00:21:01: speziell für die Raumfahrt ausgeführte Chips, mit speziellem Design.

00:21:05: Da sind wir in Europa leider nicht so unabhängig, wie wir es sein sollten.

00:21:09: Und die Europäische Union zusammen mit uns.

00:21:12: Wir haben ein Programm aufgesetzt, wo wir wirklich massiv investieren wollen, um auch keine Abhängigkeit zu haben von Supplyern, wo dann am Ende politisch entschieden wird, nein, Sie wollen jetzt nicht mehr nach Europa liefern.

00:21:25: Und dann können wir nämlich diese Satelliten erst mal zumindest nicht so schnell oder vielleicht gar nicht bauen oder vielleicht nicht mehr bei gleicher Performance, wie wir es haben wollen.

00:21:32: Und das ist eine Abhängigkeit, da müssen wir schnell raus.

00:21:35: Halten Sie das denn für realistisch, also Souveränität im Bereich Satelliten, auch weil Sie es ja gerade schon gesagt haben, internationale Produktionsketten, Die durchbricht man auch nicht so einfach.

00:21:46: Ja, ich denke, dass wir in der Raumfahrt, irgendwann stoßen wir aufs gleiche Problem wie in der gesamten Industrie in Europa aktuell.

00:21:52: Wir haben gerade bei der, was die eigentliche Wafer-Chip-Produktion angeht, haben wir in Europa leider eine Abhängigkeit.

00:22:00: Was wir schaffen können in der Raumfahrt, ist A, natürlich erst mal auch da zu animieren, Europa, die Europäische Union, die eigenen Staaten, zu investieren

00:22:11: sodass diese Abhängigkeit geringer wird.

00:22:13: Und das andere ist dann zumindest bei uns in der Lage zu sein, ein Design durchzuführen, sodass wir dann ein Design to Manufacturers, also den Blueprint auch an verschiedenen Stellen auf diesem Planeten durchführen lassen können.

00:22:24: Sodass wir dann zumindest vielleicht eine Abhängigkeit gewisserweise von außereuropäischen Staaten haben.

00:22:29: Aber wenn wir dann mal drei, vier, fünf Produktionsstandards haben, dann haben wir eine Unabhängigkeit erreicht, die ist ausreichend.

00:22:36: Und das ist realistisch.

00:22:37: Wir wollen mehr Konkurrenz.

00:22:39: Wir wollen andere Launcher-Systeme entwickeln.

00:22:42: Wir wollen auf die vielen kleineren und mittlerweile auch mittleren oder größeren, erweiteren Lieferanten in Europa uns stützen

00:22:51: um auch da wieder eine Redundanz zu haben, aber auch modernere Systeme und vor allem letztendlich auch preisgünstigere Systeme zu bekommen.

00:22:57: Ein Riesenthema ist wieder führend zu werden oder zumindest mit führend bei der Kommunikation.

00:23:05: Europa war

00:23:06: lange Zeit Marktführer, hatte die besten und auch die preisgünstigsten Satelliten, was wir als geostationären Orbit haben.

00:23:14: Also fast alle, die Satellitenschüsseln, die man ins All zeigt, zeigen auf europäische Satelliten.

00:23:21: Aber wir sind absolut nicht führend bei der, was wir LEO Low-Earth-Orbit-Kommunikation nennen, wo man Konstellationen von vielen, vielen Satelliten benötigt, um dann eventuell auch mit seinem Handy sich nicht nur über Funkmasten, sondern direkt, wir sprechen von Satellite-Device, 5G, 6G Generationen dahin zu kommen.

00:23:41: Das ist sicherlich ein großes Investitionsthema.

00:23:44: mit Iris Square, sind wir da, sind wir ganz stark dabei.

00:23:47: Wir entwickeln die nächsten Generationen der Erdbeobachtungs-Satelliten. Copernicus, ich glaube ich sagte es vorher, ist führend.

00:23:53: Wir müssen da auch weiterhin beobachten, habe ich schon mehrfach gesagt, nur weil aktuell die Dringlichkeit anderer Themen, Security oder auch Verteidigung so hoch ist und Unabhängigkeit.

00:24:06: Deswegen ändert sich der Klimawandel leider überhaupt nicht.

00:24:10: Wir müssen den Politikern weiter alle Mittel bereitstellen, damit ihnen klar ist, was aktuell mit diesem Planeten passiert und was wir tun können.

00:24:19: Ich

00:24:19: würde Ihnen gerne zum Abschluss noch ein paar sehr kurze Fragen stellen.

00:24:23: Wann wird europäische Souveränität im Bereich Satelliten Realität sein?

00:24:28: Je nach Auslegung von Souveränität, so dass wir unabhängig sind von ein oder zwei Staaten

00:24:34: denke ich in den nächsten drei bis fünf Jahren.

00:24:37: Was sind die drei größten aktuellen Herausforderungen?

00:24:40: Unabhängigkeit, Unabhängigkeit und Unabhängigkeit, sowohl in der Technologie als auch in Daten, in der Verteidigung als auch in der Sicherheit und in den verschiedenen Systemen, die wir für unseren täglichen Gebrauch nutzen.

00:24:57: Was sind die nächsten Schritte zu europäischer Souveränität im Bereich Satelliten?

00:25:01: Kommunikationsnetzwerk aufbauen, eine Konstellation im Low Earth Orbit.

00:25:05: Zweitens unsere Raketen, unsere Launcher-Systeme noch mehr kommerziell aufzustellen in mehr Konkurrenz in Europa, unsere Navigationssignale noch weiter zu verbessern, um noch unabhängiger zu werden und um bei der Astronautik unsere Bausteine zusammenzusetzen

00:25:25: um unabhängiger zu werden von anderen Staaten.

00:25:27: Und was wird durch europäische Satelliten für die Gesellschaft verbessert?

00:25:31: Angefangen von der Überwachung von Klima, Daten, die wir benötigen, um unseren Politikern klarzumachen und uns selbst, was wir für diesen Staat machen müssen, über alle Satelliten, Daten und Systeme, die wir für unseren täglichen Gebrauch von Navigation, über Kommunikation bis zum Wetter und in verschiedensten, in all unseren Bereichen, wo die Raumfahrt mittlerweile durchdringt, benötigen.

00:25:59: Ein ganz herzlicher Dank an Marcel Louwers von North.io und an Dr.

00:26:03: Dietmar Pilz von der Europäischen Weltraumorganisation für die interessanten Einblicke und Diskussion.

00:26:09: Wir haben uns auf die heutige Folge mit ihren spannenden Gästen sehr gefreut, haben aber auch ein lachendes und ein weinendes Auge, da wir uns mit der heutigen Folge von euch, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, verabschieden müssen.

00:26:20: Nach den 23 Folgen kommt mCAST nämlich zum Ende.

00:26:23: Danke, dass ihr die letzten zwei Jahre dabei wart.

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